Die Ereignisse der Höttinger Saalschlacht

Gekürzte Version der „Innsbrucker Stadtnachrichten“ vom 17. Juli 1985; Nr.7; S.10-12.

„„… die [Höttinger] Saalschlacht [1932, war] eine blutige Auseinandersetzung zwischen Anhängern der NSDAP und solchen der politischen Linken. Da die damaligen „Innsbrucker Nachrichten“ dem NS-Gedankengut nahestanden, erfolgt nunmehr unter teilweiser Verwendung des vorhandenen Quellenmaterials und unter besonderer Bedachtnahme auf die Ausgaben der „Volkszeitung“ vom 28. und 30. Mai 1932 im Sinne einer ausgewogenen Berichterstattung eine Ergänzung. Zu diesem Zweck wird zunächst auf eine Darstellung zurückgegriffen, welche der gewiss nicht dem NS-Gedankengut nahestehende Zeitgeschichtler Univ.- Prof. Dr. Gerhard Botz in seinem Buche „Gewalt in der Politik“ (2. Auflage, München 1983, S. 196 f. und Anhang XI. S. 420 ff.) gegeben hat. Botz schreibt dort:

Die Saalschlacht von Hötting am 27. Mai 1932.
… In der überwiegend von Arbeitern bewohnten Gemeinde [Hötting], in der die sozialdemokratische Partei traditionell den Bürgermeister stellte, fanden am 25. September 1932 Gemeindewahlen statt, die Rückschlüsse auf die in den Vormonaten ablaufenden politischen Veränderungen gestatten. Im Vergleich mit den Nationalratswahlen 1930 verlor dort die Sozialdemokratie 373 Stimmen von ihren früheren 2706, zum kleineren Teil an die Kommunisten, zum größeren Teil an die Nationalsozialisten, behielten jedoch knapp die absolute Mehrheit. Während die Christlich-sozialen, die zweitstärkste Partei (25%) dieses Ortes, infolge Wählerzugangs von dem nicht mehr kandidierenden Heimatblock leichte Stimmengewinne verzeichnen konnte, wurde die Großdeutsche Volkspartei, wie nicht anders zu erwarten, von den Nationalsozialisten fast gänzlich aufgesogen. Die NSDAP erreichte 1285 Stimmen oder 24 Prozent. Daneben gab es insgesamt 148 Kommunisten.
In diesem noch immer „roten“ Ort kündigte die Innsbrucker „Nationalsozialistische Arbeiterpartei (Hitlerbewegung)“ für den 27. Mai 1932, 8 Uhr abends im Gasthof „Goldener Bär“, wo sonst auch sozialdemokratische Veranstaltungen stattfanden, eine öffentlich zugängliche Versammlung — jedoch mit dem Einladungsvermerk „Juden bleiben zuhause“ — an. Als Redner über das Thema „Gebt Arbeit statt Almosen!“ war ein Parteigenosse Theo Stadler aus Salzburg ausersehen. Wie die Sicherheitsbehörden feststellten, planten Sozialdemokraten und Kommunisten eine gewaltsame Störung der Versammlung.
Der Republikanische Schutzbund habe in einer Versammlung im sozialdemokratischen Gewerkschaftshaus in Innsbruck über die Entsendung einer Abteilung nach Hötting beraten. Tatsächlich rief auch der „Sozialdemokratische Parteiausschuss Hötting“ auf Flugblättern die Arbeiter und Angestellten zu einer „Demonstration gegen den Hackenkreuzfaschismus“ (sic!) auf, die als Volksversammlung vor dem Gasthaus „Reiter“ in dem wenigen hundert Meter von Hötting entfernten, damals schon zu Innsbruck gehörenden Ortsteil Mariahilf stattfinden sollte. Der Text war jedoch so abgefasst, dass leicht eine Verwechslung der beiden Versammlungsorte entstehen konnte.

Im Gasthof „Goldener Bär“ fanden sich am angekündigten Abend, schon vor Beginn der nationalsozialistischen Versammlung, „eine Anzahl gegnerischer Gruppen (Sozialdemokraten und Kommunisten)“ ein. Zur selben Zeit sammelten sich vor dem Gasthaus „Reiter“ Schutzbündler und Sozialdemokraten. Dort wurden Reden folgenden Tenors gehalten: „Wir lassen uns von diesem reichsdeutschen Gesindel nicht länger provozieren. Die rote Fahne, die durch das Hackenkreuz verunglimpft worden ist, muss heruntergeholt werden.“
Während die verstärkte Gendarmerie, die einen Sturm der „Marxisten“ von Innsbruck- Mariahilf auf das nationalsozialistische Versammlungslokal befürchtete, alle Zufahrtswege nach Hötting abriegelte, marschierte eine etwa 80 Mann starke uniformierte SA-Truppe mit einer Hakenkreuzfahne zum „Goldenen Bären“. „Gleich darauf begann ein großer Tumult im Versammlungslokal. Die gegnerischen Gruppen gingen aufeinander los. Im Verlaufe dieser nur einige Minuten dauernden, aber umso heftigeren, mit Biergläsern, Stühlen, Haselnussknüppeln, Messern und einzelnen Pistolenschüssen geführten Saalschlacht wurden die Gegner der Nationalsozialisten von diesen und einigen Gendarmen aus dem Saal gedrängt. Insgesamt wurden dabei 16 Sozialdemokraten und Kommunisten und 19 Nationalsozialisten „erheblich“ verletzt, 18 Verletze so schwer, dass sie in ärztlicher Behandlung bleiben mussten. Der 56jährige Fleischhauergehilfe Sylvester Fink, Mitglied der SA, starb nach wenigen Stunden an den Folgen von Messerstichen und Fußtritten in den Unterleib.
Nur mit Mühe konnten die Gendarmen und ein größeres Militäraufgebot die Umgebung des Gebäudes abriegeln und die eingeschlossenen Nationalsozialisten vor der sich nach der Schlägerei in Hötting binnen kurzem ansammelnden großen Menschenmenge schützen. Die Erregung der Arbeiterschaft von Hötting und Innsbruck war jedoch so stark, dass sich die Rettungstransporte kaum und nicht unbeschädigt den Weg durch die Menge bahnen konnten. Bis spät nachts kam es in den beiden Orten zu bedrohlichen Ansammlungen und vereinzelten Ausschreitungen zwischen Anhängern der Arbeiterpartei einerseits und Nationalsozialisten und Exekutivbeamten andererseits. Auch der Heimwehrführer Steidle wurde in einem Straßenbahnwagen durch Steinwürfe bedroht. Sogar in der chirurgischen Klinik gerieten in der Nacht die schwerverletzten Gegner noch in einen heftigen Streit.“

Liste der verletzten/toten Nazis

Weiters wird nachstehend jene Darstellung wiedergegeben, welche die „Volkszeitung“, das damalige sozialdemokratische Tagblatt für Tirol, am 28. Mai 1932 über die Ereignisse im Goldenen Bären in Hötting am Abend zuvor gegeben hat. Dort steht auf Seite 1 zu lesen:

„In Hötting ist gestern Blut geflossen. Zahlreiche Menschen sind verletzt worden, ein Verletzter starb noch nachts im Krankenhaus, die gesamte Bevölkerung ist in größte Unruhe und Aufregung versetzt worden. Polizei, Gendarmerie und Militär mussten aufgeboten werden. Die Rettungsabteilung musste mindestens ein ganzes Dutzend Mal Hilfsfahrten nach Hötting machen, mehrere Dutzend Verletzte in die Klinik überführen, während eine ebenfalls nicht kleine Anzahl leichter Verletzter sich in häuslicher Pflege befinden. Die verbrecherischen Urheber aller dieser Vorgänge sind — darüber kann es wohl keine Meinungsverschiedenheiten geben — die aus Deutschland nach Tirol importierten Strolche im braunen Hitlerhemd, die auf Geheiß des Braunen Hauses in München in Tirol, besonders in den letzten Wochen, landauf, landab die Bevölkerung zu terrorisieren versuchen, das Evangelium der Gewalt predigen, nach dem Muster der Nazi in Deutschland auch bei uns der Bevölkerung einen Vorgeschmack der Dritten-Reich-Methode gebend.

Gestern wurde nun der Höttinger Bevölkerung vor-demonstriert, was sie zu erwarten hätte, wenn die braune Pest auch bei uns „Heimatrecht“ bekäme, wie die Hitlerstrolche den Kampf mit „geistigen Waffen“ verstehen, wie die Legalität der Horden aussieht, die nach Innsbruck kommandiert wurden, um hier der Bevölkerung die „Segnungen“ des mit den Millionen der deutschen Großkapitalisten ausgehaltenen deutschen Faschismus zu vermitteln! Die braunen Mordgesellen wollten gestern in Hötting beim „Bären“ eine ihrer üblichen Schimpforgien veranstalten und luden die Höttinger Bevölkerung ein, ihre öffentliche Versammlung zu besuchen, zu der sie sich eine ihrer rhetorischen Dreckschleudern, diesmal aus Salzburg, verschrieben.
Da die Versammlung, wie erwähnt, öffentlich war, kamen natürlich auch Arbeiter in den „Bären“, um sich den Naziredner anzuhören. Es sollte aber nicht dazu kommen! Als um 8 Uhr abends die uniformierten Hakinger in den Saal einmarschierten, war die erste Tat der Hitlerhalunken, sofort über die anwesenden Arbeiter herzufallen, eine blutige Saalschlacht zu entfesseln, die zahlreiche Opfer forderte!
Dass dieser Überfall wohl vorbereitet und organisiert war , dass die Südtirolverräter die Angreifer und nicht die Überfallenen waren, geht daraus hervor, dass sie dem „Bären“-Wirt eine Kaution für entstehende Schäden stellten, dass sie bei ihrem Marsch durch Hötting von keinem Arbeiter ( ! ) behelligt wurden.

Am Kampfplatz
Um 8Uhr marschierten etwa 80 bis 100 uniformierte Hakinger zum Gasthof „Goldener Bär“. Sie „sangen“ in ungemein frecher Weise ein „antimarxistisches“ Spottlied. Und als die Braunhemden in den Gasthof einzogen, brüllten sie — indianermäßig wie immer — ihr faschistisches „Heil Hitler!“ Ob- wohl die Mehrzahl der Saalbesucher Sozialdemokraten und Nichtfaschisten waren, wagten es die Hitlerianer, mit dem welschen Faschistengruß die Tiroler zu „grüßen“. Auf all diese Provozierungen erwiderten die Anwesenden mit Pfuirufen. Die Hitlerfaschisten griffen nun — wie es die Arbeitermörder ja immer tun — sogleich zu den mitgebrachten Totschlägern und Waffen. Da die von den Hakingern Angegriffenen sich natürlich kräftig zur Wehr setzten, kam es nun zu einer großen Saalschlacht, die meist mit Sesseln ausgefochten wurde.
Die Hakinger (SA.) benahmen sich wie Tiere und hieben in der brutalsten Art los. Im Saal wurde fast alles zerschlagen. In Innsbruck sah man noch selten einen Saal, der derart demoliert war. Die Fahne der braunen Mordgesellen wurde so übel zugerichtet wie der große Saal. Von der Gendarmerie muss hier gesagt sein, dass einige der Gendarmen in einer aufreizenden „forschen“ Weise gegen die Arbeiter losgingen.
Dadurch wurde die Empörung der Bevölkerung noch viel größer. Eine große Menschenmenge — fast ganz Hötting war auf den Beinen. Die Versammlung der Hakinger konnte also nicht stattfinden. Fast alle hatten ja etwas abbekommen. Fünf Minuten nach dem Einmarsch der Hakinger kamen bereits die ersten Verwundeten aus dem „Bären“, manche mussten hinausgetragen werden, einige wurden zum Teil zur Gendarmeriestation gebracht, andere lagen im Gang, der vom Saal herausführte. U. a. sah man eine Frau aus dem Gasthof heraus wanken, das ganze Gesicht blutüberströmt… So hatten sie die viehischen Burschen zugerichtet. Die Gendarmerie ging schließlich — nicht gegen die Nazi, sondern gegen die Arbeiter mit gefälltem Bajonett vor und sperrte die Umgebung des „Bären“ ab.
Besondere Empörung löste es unter der Bevölkerung aus, dass ein alkoholisierter Gendarm sich besonders gegen die Arbeiter hervortat, mit dem Bajonett herumfuchtelte und dadurch auch ein paar Menschen verletzte. Auf Einschreiten einiger Genossen musste der Mensch schließlich vom Schauplatz seiner „Heldentaten“ abgezogen werden. Es muss festgestellt werden, dass von sozialdemokratischer Seite keinerlei Störungsversuche der Hakingerversammlung beabsichtigt waren, die ungeheure Empörung der Bevölkerung über das Wüten der Nazi eine spontane und durchaus begreifliche war, eine Empörung, die sich in den stürmischen, bis in die späten Nachtstunden andauernden Protestkundgebungen in Hötting dramatisch offenbarte.

Das feige Hakingergesindel, das unbewaffnete Arbeiter überfiel, verkroch sich dann in den verwüsteten Bärensaal und wagte sich lange Zeit nicht mehr heraus. Nach und nach versuchten die Nazi in kleineren Trupps den „Bären“ unter dem Schütze der Gendarmerie möglichst unauffällig zu verlassen; zum Teil in Privatautos, zum Teil in den Autobussen der Höttinger Linie. Dabei kam es natürlich jedesmal zu stürmischen Entrüstungskundgebungen der Menschenmassen. Erst als gegen halb 11 Uhr von Innsbruck aus zwei Kompanien der Alpenjäger nach Hötting aufgeboten wurden, trauten sich die im Saal noch anwesenden Nazi unter dem Schutze von Polizei, Gendarmerie und Militär nach Innsbruck herunterzumarschieren, um schließlich vor dem „Braunen Haus“ in der Müllerstraße mit einem dreimaligen „Rache“-Geschrei wider die Marxisten ihren blutigen Ausflug nach Hötting abzuschließen. …

Schließlich soll noch die „Volkszeitung“ vom 30. Mai 1932 zitiert werden („Die Schuldigen am Höttinger Blutbad!“); bei deren Ausführungen es sich nicht um eine Schilderung der Vorgänge am 27. Mai, sondern um einen politischen Kommentar handelt, dessen Tenor ist:

„Die organisierte Arbeiterschaft hat es seit jeher verschmäht, bei politischen Auseinandersetzungen mit ihren Feinden an die Mittel der Gewalt zu appellieren, die Arbeiter haben es noch immer vorgezogen, mit geistigen Argumenten zu kämpfen. Es ist eine alte und bewährte Tradition der Arbeiterklasse, dass sie selbst zu Zeiten, wenn die Wogen des politischen Kampfes hoch gingen und alle politischen Leidenschaften entfesselt waren, in vorbildlicher Disziplin, beseelt von höchstem Verantwortungsbewusstsein, jede physische Austragung der Gegensätze vermied.“

Zur Schuldfrage zitiert die gleiche Ausgabe der „Volkszeitung“ unter anderem einen Augenzeugenbericht:

„Nach der bekannten gegenseitigen „Begrüßung“ der Nazi und Kommunisten war es der dritte uniformierte Nazi hinter der Fahne, der den ersten Sessel gegen die Kommunisten warf. Das war das Zeichen, und schon flogen gegen 30 Bierflaschen von der Bühne, die die Nazi dort hinter dem Vorhang bereit hatten.“
Andererseits liegen über den Verlauf der Auseinandersetzungen Berichte vor, denen zu entnehmen ist, dass bereits vorsorglich von den Sozialdemokraten ein Stafetten-dienst eingerichtet worden war, um zwischen den im Gasthaus „Reiter“, Mariahilf, versammelten Sozialdemokraten und ihren Gesinnungsgenossen im „Goldenen Bären“ Kontakt zu halten und Notfalls für Verstärkung sorgen zu können.

Kurz gefasst kann festgestellt werden:
Eine öffentliche Veranstaltung der NSDAP im Höttinger Gasthof „Goldener Bär“ war amtlich angemeldet und vom sozialdemokratischen Bürgermeister der damals selbständigen Gemeinde Hötting zur Kenntnis genommen worden. Der Bürgermeister hat, wie die „Volkszeitung“ berichtet, gegenüber den zuständigen Behörden auf Sicherheitsmaßnahmen gedrängt, die ihm in diesem Zusammenhang als notwendig erschienen waren, was bei der Bezirkshauptmannschaft zu einer Verstärkung des vorgesehenen Gendarmeriekontingents von 20 auf 40 Gendarmen geführt hat. Die Versammlung der NSDAP wurde vom politischen Gegner gesprengt.

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